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Speeddating und Azubi Car

HANDWERK: Neue Wege, um Azubis zu gewinnen

Speeddating und Azubi Car

Der Auszubildende Nick Mann hängt in der Metzgerei von Dirk Schmidt Würste auf. In dem Unternehmen in Daaden (Kreis Altenkirchen) arbeiten 30 Beschäftigte, fünf davon sind Auszubildende. BILDER: Thomas Frey, dpa

In vielen klassischen Handwerksbetrieben fehlt es an Nachwuchs. Nicht so bei Metzgermeister Dirk Schmidt. In seinem Unternehmen in Daaden (Kreis Altenkirchen) arbeiten 30 Beschäftigte, fünf davon sind Auszubildende. „Ich muss schon jetzt meine Mannschaft zusammensuchen, damit das in Zukunft alles passt“, sagte der 46-Jährige über die hohe Ausbildungsquote in seinem Betrieb. In wenigen Jahren werden fünf erfahrene Mitarbeiter in den Ruhestand gehen. Schmidt wirbt auf Ausbildungsmessen beim sogenannten Speeddating um Nachwuchs und fährt dabei auch mal mit einem kleinen schwarzen Microcar vor. Er bietet Interessenten eine kleine Spritztour an, um sie für eine Lehre bei ihm zu gewinnen. „Azubi Car – Dein Flitzer in der Ausbildung“, ist auf dem Kleinfahrzeug zu lesen, das lediglich Tempo 50 auf den Tacho bringt und mit einem Mopedführerschein von jungen Leuten ab 16 gefahren werden darf. Der Clou bei Schmidt: Der Flitzer darf auch in der Freizeit genutzt werden. „Das hat gezogen“, freut sich Schmidt im Rückblick. „Mit derartigen Aktionen bin ich im Handwerk ein Vorreiter.“

Bei Veit Benfer war es der Vater, der auf eine Stellenanzeige Schmidts mit dem „Azubi Car“ aufmerksam wurde. Vor der Lehre machte der heute 19-Jährige ein Praktikum in der Daadener Metzgerei, um zu sehen, ob alles passt. Inzwischen ist Benfer im dritten Lehrjahr, kreuzt immer noch mit dem Microcar durch den Westerwald – und wirbt damit um neue Auszubildende. Er fühlt sich in dem Beruf und bei seinem Arbeitgeber ausgesprochen wohl.

„Ich habe auch mal ein Praktikum in einer riesigen Metzgerei im Saarland gemacht und musste da acht Stunden immer dasselbe tun – das war ätzend. Hier ist es viel abwechslungsreicher.“

Ein Bürojob wäre für ihn nicht in Frage gekommen. Benfer will lieber zupacken – genauso wie Nick Mann. Der 18-Jährige ist Fleischer-Azubi im zweiten Lehrjahr. Beide haben nach Ansicht ihres Chefs beste Berufschancen, wenn sie ihre Ausbildung einmal abgeschlossen haben. „Einen sichereren Job als den eines Fleischers gibt es nicht“, betont Schmidt.Und die beiden jungen Männer sind sich einig: „Es ist ein tolles Gefühl zu wissen, dass Arbeitslosigkeit kein Thema für uns sein wird.“

Zartbesaitet dürfen die beiden allerdings nicht sein, denn bei Schmidt stammen Fleisch und Wurst in der Ladentheke noch aus der eigenen Schlachtung. „Da fließt Blut, das gehört aber mit dazu. Ohne das gibt es keinen Schinken und keine Wurst“, betont der Fleischermeister. Er achtet deshalb bei der Suche nach Nachwuchs nicht so sehr auf die Schulnoten, sondern „auf Fingerfertigkeit und Motivation“.

„Ich habe bereits um 13 Uhr Feierabend“

Und Angst vorm frühen Aufstehen dürfen Benfer und Mann auch nicht haben. Arbeitsbeginn ist morgens um vier Uhr. Sein Freundeskreis habe ihn deswegen gefragt, ob er denn „bekloppt“ sei, als er damals von seinem Ausbildungswunsch berichtet habe, erzählt Benfer. „Jetzt sind die aber oft neidisch, weil ich auch schon um 13 Uhr Feierabend habe und zu Hause bin.“

Gleich fünf Azubis auf einmal auszubilden, ist für den seit fast 200 Jahren bestehenden Familienbetrieb, der auch einen Partyservice und eine rollende Filiale bietet, nicht immer einfach. „Die größte Herausforderung besteht darin, dass alle auf dem gleichen Level sind niemand zurückbleibt“, erklärt Schmidt.

Roheen Eybo ist eine von drei jungen Frauen, die bei Schmidt zur Fleischereifachverkäuferin ausgebildet werden. Sie hat eine besondere Geschichte: Vor sechs Jahren kam sie aus Syrien nach Deutschland und verdiente sich zunächst als Putzfrau in der Metzgerei ein paar Euro. Dann sei sie von ihrem späteren Chef gefragt worden, ob sie sich denn eine Ausbildung als Fachverkäuferin vorstellen könne. Eybo ist mittlerweile im dritten Lehrjahr. „Es macht richtig Spaß2, berichtet die 24-Jährige in hervorragendem Deutsch. „Der Chef ist toll und unser Arbeitsklima auch.“

Umgang mit Schweinefleisch

Sie will auf jeden Fall nach dem Ende ihrer Ausbildung bei Schmidt bleiben. „Es ist wie eine zweite Familie“, sagt sie. In ihrer syrischen Heimat hatte sie als Friseurin gearbeitet. „Früher habe ich Haare gestylt, jetzt style ich die Ladentheke“, schmunzelt Eybo. Ihr Glaube verbiete ihr zwar den Verzehr von Schweinefleisch, aber nicht den beruflichen Umgang damit, erklärt sie.

Nach Ansicht von Arbeitsmarktexperten stehen die drei jungen Leute aus dem Westerwald exemplarisch für die Zukunftschancen in diesem Wirtschaftsbereich. „Eine Ausbildung im Handwerk bietet sehr interessante Beschäftigungs- und gute Verdienstmöglichkeiten“, betont Heidrun Schulz, Chefin der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland der Bundesagentur für Arbeit. Ein Blick auf die zahlreichen Ausbildungsberufe im Handwerk lohne sich. Hilfe und einen Überblick über die verschiedenen Ausbildungswege sowie Unterstützungsmöglichkeiten könnten sich interessierte Jugendlichen bei der Berufsberatung der Agentur holen. TEXT: Michael Bauer, dpa